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Datum:   26.08.2003
Ressort:   Feuilleton
  

 

   

 

Füße in der Luft und auf dem Boden

Geschwindigkeitsdifferenzen: Der Tanz im August ist erfolgreich, hinter den Kulissen lauert die Krise

Autor: Michaela Schlagenwerth

Fünfzehn Jahre lang hat es beim Tanz im August keine Pannen gegeben. Jetzt, in Nele Hertlings Abschiedsjahr, geschah es: Die Premiere von "Amelia", dem teuersten Gastspiel des diesjährigen Tanzfests, im Haus der Berliner Festspiele musste wegen einer Viruserkrankung des Hauptdarstellers abgesagt werden. An den anderen beiden Spieltagen wurde eine gekürzte Fassung von dem Stück des kanadischen Choreografen Édouard Lock und seiner Gruppe LaLaLaHuman Steps gezeigt. Auch gekürzt war das Stück des Hochgeschwindigkeits-Choreografen ein Augenschmaus. Die aggressive Wucht der früheren Jahre haben Locks Tänzerinnen auch auf Spitze nicht verloren. Statt wild gegen Partner und Wände zu springen, bohren sie jetzt die Füße in Luft und Boden. Präzisionsmaschinen, hart und gestochen scharf.

Früher war es Lock mit seinen Geschwindigkeitsräuschen um eine reine Feier der Flüchtigkeit zu tun. Die Schwindel erregende Schnelligkeit, die nicht fassbare Flüchtigkeit der Bewegung war Sehnsucht nach ihrem Gegenteil: dem Innehalten. Auch wenn die Geschwindigkeit in "Amelia" (uraufgeführt im Oktober 2002 in Montreal) nicht nachgelassen hat - es geht jetzt um bloße Technik und Virtuosität, um das mechanische und maschinenhafte des Körpers. Während die Tänzer tanzen, als habe man sie mit einem Schlüssel aufgezogen und die Windung über den Anschlag hinaus überdreht, fährt wieder und wieder eine Leinwand herunter, eine Art Spiegel, aus dem eine virtuelle Ballerina herausscheint. Eine Puppe, mit toten Augen und hölzernen Bewegungen. Aber das ist das Merkwürdige dieser Inszenierung: Je länger der Tanz kreist, in bloßer virtuoser Mechanik, desto lebendiger wird er. Die Augen der Puppe scheinen nicht mehr tot, sondern entrückt. Und der den Bewegungs-Duktus des Cyberspace kopierende Tanz scheint bei seinem Gegenteil angekommen zu sein. Er wirkt wie ein blinder Reflex, wie ein bloßes Körper-Sein. Traurig und schön.

Neben der Eröffnung durch die Londoner Gruppe DV8 und der HipHop-Kunst von Bruno Beltrao war das Gastspiel von LaLaLa Human Steps der bisherige Höhepunkt des Tanzfests. Auch im experimentellen Bereich gab es Spannendes zu sehen. Von dem rumänischen Choreografen Mihai Mihalcea etwa, der in "Stars high in Amnesia s Sky" Ceausescu und die Panzer über die Bühnenrückwand flimmern lässt, während auf der Bühne drei Jungpioniere, aus aller Zeit herausgefallen, an ihren kleinen, harmlosen Leben basteln. Oder Juan Domínguez, der neunzig Minuten lang (!) mit den Zuschauern nur über kleine beschriebene Kärtchen kommuniziert, die, in einen Projektor gehalten, vergrößert auf einer Leinwand erscheinen. Eine halluzinatorische Zwiesprache, die die Zuschauer in den Kopf des Performers zu katapultieren scheint.

Der Kongolese Faustin Linye- kula zeigte ein handwerklich schwaches, atmosphärisch eindringliches Stück über die Stimmung in seinem Land: Autistisch, starr und voller Schrecken, die auch im Tanz nicht abgeschüttelt werden kann. Der Belgier Michael Laub war mit dem "H. C. Andersen Project - Tales und Costumes" ein schwächlicher Vorbote des Andersen-Jahres 2005.

Man kann zufrieden sein mit dem bisherigen Tanzfest. Trotzdem ist die Stimmung merkwürdig. Es fing an mit der Auftakt-Pressekonferenz, in der Nele Hertling die letzten fünfzehn Jahre Tanzfest Revue passieren ließ, von ihren Partnern Ulrike Becker und André Thériault würdig verabschiedet wurde, ihren ebenfalls anwesenden Nachfolger Matthias Lilienthal aber nicht einmal namentlich nannte. Die Zusammenarbeit zwischen Hertling, Becker und Thériault war schwierig, aber produktiv. 1989, im mit sechs Gastspielen bestückten, schwach besuchten Gründungsjahr, hätte sich niemand träumen lassen, dass sich der Tanz im August zum größten Tanzfestival Deutschlands entwickeln würde. Jetzt ist eine gewisse Stagnation zu bemerken. Mit Lilienthal und seiner Tanzverantwortlichen Bettina Masuch könnte es im Verein mit Beckers und Thériaults Tanzwerkstatt ein starker Neubeginn werden. Lilienthal und Masuch traut man zu, die neuen Impulse zu geben, die das Tanzfest als Auffrischung braucht. Auf Anregung von Adrienne Göhler, der Vorsitzenden des Hauptstadtkulturfonds, soll ab 2005 Jochen Sandig zum Tanzfest-Team stoßen. Sandig, Co-Leiter der Schaubühne, Dramaturg und Lebensgefährte von Sasha Waltz, hat sich als Veranstalter in der Stadt einen Namen gemacht. Es ist also ein starkes Team in Aussicht. Aber hinter den Kulissen ist ein Machtkampf entbrannt, bei dem so viele Strippen gezogen werden, dass einem ganz schwindlig werden kann.

Da gibt es zum einen Nele Hertling, die ihren Nachfolger Matthias Lilienthal selbst als Kandidaten vorschlug und protegierte. Doch nachdem dieser offenbar ihr nicht genehme Entscheidungen traf, wandte sie sich demonstrativ von ihrem Schützling ab. Da gibt es Adrienne Göhler, wo man den Eindruck gewinnen kann, dass sie den Hauptstadtkulturfonds ein wenig als Privatschatulle begreift, mit dem sie ihre Schützlinge fördert - zu de- nen ganz entschieden Amelie Deuflhardt von den Sophiensælen und Sophiensæle-Gründer Jochen Sandig gehören und auf keinen Fall Matthias Lilienthal. Und da gibt es vor allem Ulrike Becker und André Thériault von der Tanzwerkstatt, die zunächst als Hertlings Mitarbeiter, dann als Co-Leitung am Erfolg des Tanzes im August beteiligt waren. Mehrere Jahre hintereinander waren fast alle künstlerisch bedeutenden Gastspiele ihrer Initiative zu verdanken. Aber trotz der veranstalterischen Leistungen: Aus dem Schatten von Nele Hertling sind sie nie herausgetreten. Dass ist vielleicht der wichtigste Grund, ihnen nicht einfach die alleinige Leitung des Tanzfests zu übertragen. Lilienthal trat die Leitung des Hebbel-Theaters, des Theaters am Halleschen Ufer und des Theaters am Ufer in dem Glauben an, drei unterfinanzierte Bühnen zu übernehmen, die seit Jahren in der Krise stecken und mit einem einzigen Pfund wuchern, dem Tanz im August, für den es vom Hauptstadtkulturfonds eine zusätzliche Förderung von 250 000 Euro gibt. Die wollen Lilienthal und Masuch zusammen mit den Mitteln der Tanzwerkstatt in einen Topf werfen und ein gleichberechtigtes Kuratorium bilden. Doch das ist vielen nicht genug. Jetzt finden hinter den Kulissen Kämpfe statt. 2005 wird es einen neuen Hauptstadtvertrag geben, auch die Förderung des Tanzfests wird dabei umstrukturiert. Man kann nur hoffen, dass dem Festival dann endlich die längerfristige Förderung zuteil wird, die es braucht.

 

"Tanz im August" entwickelte sich zum größten Tanzfestival Deutschlands.

WOLFGANG HILSE "Stars High In Amnesia s Sky": Mihai Mihalcea und das Solitude Projekt aus Bukarest.

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